26.06.2015

Überdimensionierte Stadthalle Vallendar

Über 1.000 Sitzplätze bei rund 11,5 Mio. Euro Kosten

Sanierung der alten Stadthalle, kleiner Neubau, großer Neubau – seit Jahren wird in Vallendar darüber diskutiert, welche Art von Stadt- und Kongresshalle gewünscht wird. Letztlich setzte sich im Stadtrat die große Neubau-Variante durch. Die neue Stadthalle soll Platz für über 1.000 Personen bieten und voraussichtlich 11,5 Mio. Euro kosten. Doch wer soll sie regelmäßig nutzen?

Mit rund 9.000 Einwohnern ist Vallendar eine kleine Stadt im Landkreis Mayen-Koblenz. Doch was ihr eine gewisse Bedeutung verleiht, ist die ansässige „WHU – Otto Beisheim School of Management“. Die Wirtschaftshochschule mit ihrem 15.000 qm großen Campus hat nach eigenen Angaben etwa 1.300 Studenten und ist somit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Stadt. Obwohl sich die WHU zum Standort Vallendar öffentlich bekennt, scheinen sich das Land und die Stadt große Sorgen um die Zukunft zu machen.

Um den Hochschulstandort zu sichern, wurde 2008 ein Rahmenvertrag zwischen dem Land Rheinland-Pfalz, der Stadt und der Verbandsgemeinde Vallendar, der WHU sowie der Theologischen Hochschule der Pallottiner abgeschlossen. Darin einigten sich die Vertragspartner auf den Bau einer neuen Stadt- und Kongresshalle mit 800 Plätzen in Bankettbestuhlung. Wie Bürgermeister Gerd Jung dem BdSt auf Anfrage hin mitteilte, war allen Vertragspartnern schon damals klar, dass diese Größe für Vallendar alleine überzogen war. Allerdings habe das Land sie als erforderlich angesehen.

Der im März 2015 vom Stadtrat genehmigte dreigeschossige Hallenentwurf sieht einen großen unterteilbaren Saal mit 1.000 Sitzplätzen, einen kleinen Saal mit 120 Sitzplätzen und mehrere Seminarräume vor. Dazu kommt ein 400 qm großes, lichtdurchflutetes Foyer, das mit den Sälen verbunden werden kann. Für das leibliche Wohl sorgt eine große Cateringküche. Zudem können sich Autofahrer auf eine Tiefgarage mit über 60 Stellplätzen freuen. Insgesamt soll die neue Stadthalle ein modernes Raumangebot bei großer Multifunktionalität bieten. Neben der WHU sollen insbesondere örtliche Vereine die Halle nutzen.

WHU sieht keinen Bedarf mehr

Bei dem Stadthallen-Projekt sind die Kosten hoch und die Wirtschaftlichkeit sehr fraglich. Geschätzt sollen sich die Investitionskosten auf 11,5 Mio. Euro belaufen, davon werden 70 Prozent vom Land getragen. Die Unterhaltungskosten sollen jährlich bei bis zu 660.000 Euro liegen. Dagegen hängen die Einnahmen von der Anzahl und Art der Veranstaltungen ab – eine konservative Schätzung geht von rund 110.000 Euro aus. Als wäre ein drohendes Betriebsdefizit von grob einer halben Million Euro pro Jahr noch nicht schlimm genug, will die WHU keinen Nutzungsvertrag für die Halle abschließen. In einem Zeitungsinterview im März 2015 verweist der WHU-Chef, Prof. Markus Rudolf, darauf, dass der Betrieb der Wirtschaftshochschule keine neue Stadthalle benötige und es mit der Rhein-Mosel-Halle im nahen Koblenz eine gute Option für Veranstaltungen gebe. Das überrascht, denn in der Vergangenheit kritisierten WHU-Vertreter das langsame Vorankommen des Bauprojekts.

Es fehlt in der Vallendarer Umgebung tatsächlich nicht an Veranstaltungsorten. Laut einer Bedarfsanalyse gibt es in einem Radius von bis zu 30 Fahrminuten neben Koblenz noch weitere sieben Städte, die mit Hallen aufwarten können – und somit potentielle Konkurrenz darstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Vallendar nach Meinung der Experten kein qualifiziertes Übernachtungsangebot gibt, was aber für den Erfolg eines Veranstaltungs- und Tagungsortes wichtig sei. Die gesicherte Nachfrage liegt bei etwa 130 Veranstaltungen pro Jahr, davon 60 mit weniger als 150 Teilnehmern. Voll ausgenutzt würde die Halle nur 7x im Jahr von der WHU und noch alle zwei Jahre einmal vom örtlichen Gesangsverein werden. Kommerzielle Großveranstaltungen in dieser Größenordnung wären zwar denkbar, aber nur bei einem professionellen Hallenmanagement und eventuell in Verbindung mit einem Tagungshotel. Sprich: Für die Wirtschaftlichkeit der neuen Stadthalle sieht es eher düster aus.

Es ist aber nicht so, dass in Vallendar keine Alternativen zur XXL-Stadthalle diskutiert wurden. Eine Sanierung der bestehenden Stadthalle würde geschätzt 2,6 Mio. Euro kosten, eine Modernisierung 3,5 Mio. Euro. Ebenso wurde über einen etwas kleineren Neubau für 8,6 Mio. Euro nachgedacht. Allerdings würde die Stadt – nur für sich betrachtet – bei keiner dieser drei Alternativen wesentlich günstiger fahren. Erstens wurden für die favorisierte große Neubau-Variante bereits 1,1 Mio. Euro an Planungskosten ausgegeben. Zweitens würde Vallendar bei keiner der anderen Alternativen den Landeszuschuss von 70 Prozent bekommen.

BdSt-Fazit:

In Vallendar zeichnet sich mit dem geplanten Bau einer überdimensionierten Stadthalle eine millionenschwere Verschwendung ab. Doch wer trägt hierfür die Verantwortung? Ist es die WHU, die als angedachter Hauptnutzer einst selbst die neue Halle forderte, aber heute für sich keine Erforderlichkeit mehr sieht? Ist es das Land Rheinland-Pfalz, das als Hauptfinanzier ein neues Leuchtturmprojekt verwirklichen möchte, ohne dabei auf die Notwendigkeit und Angemessenheit zu achten? Oder ist es die Stadt Vallendar, die bei einem 70-prozentigen Landeszuschuss gerne mal eine Nummer größer bauen möchte? Wie auch immer – am besten wäre es, wenn die Akteure sich zusammensetzen und das Bauprojekt erneut besprechen würden, bevor das Steuergeld unwiederbringlich verbrannt ist.